Blutbasierte Biomarker in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: NfL und GFAP zeigen besonders bei Anorexia nervosa deutliche Veränderungen

In einer aktuellen Studie in Translational Psychiatry haben wir untersucht, ob die aus der Neurologie bekannten Blutbiomarker Neurofilament Light Chain (NfL) und Glial Fibrillary Acidic Protein (GFAP) auch bei psychiatrischen Erkrankungen im Jugendalter relevante biologische Veränderungen abbilden können. NfL gilt als Marker neuroaxonaler Schädigung beziehungsweise Belastung, GFAP als Marker astrozytärer Aktivierung. Beide Biomarker lassen sich inzwischen hochsensitiv im Serum bestimmen.

Analysiert wurden insgesamt 412 Jugendliche im Alter von 11 bis 18 Jahren mit klinisch diagnostizierten psychiatrischen Erkrankungen. Darunter waren 52 Patientinnen und Patienten mit Anorexia nervosa, 237 mit Depression und 123 mit anderen psychiatrischen Erkrankungen, unter anderem Angststörungen, ADHS, Störungen des Sozialverhaltens oder Cannabisabhängigkeit. Die Biomarker wurden mittels hochsensitiver Single-Molecule-Array-Technologie gemessen und soweit möglich anhand von Referenzdaten für Alter, Körpergewicht und weitere Einflussfaktoren standardisiert.

Besonders deutlich waren die Veränderungen bei Jugendlichen mit Anorexia nervosa. Sowohl sNfL als auch GFAP lagen hier signifikant höher als bei Jugendlichen mit Depression oder anderen psychiatrischen Erkrankungen. Zwar fanden sich auch bei Depression im Vergleich zu Referenzpopulationen moderate Erhöhungen, diese waren jedoch deutlich weniger ausgeprägt und standen nicht mit der Schwere der depressiven Symptomatik in Zusammenhang.

Da Körpergewicht und BMI die Konzentrationen beider Biomarker beeinflussen können, wurde dieser Aspekt besonders sorgfältig untersucht. Entscheidend war dabei, dass die erhöhten Werte bei Anorexia nervosa auch im direkten Vergleich mit untergewichtigen Jugendlichen mit Depression bestehen blieben. Die Unterschiede waren dabei mit standardisierten Effektstärken von etwa 0,8 für sNfL und 0,95 für GFAP deutlich ausgeprägt. Damit sprechen die Ergebnisse dafür, dass die Biomarkerveränderungen bei Anorexia nervosa nicht allein durch das niedrige Körpergewicht erklärt werden können.

Besonders interessant war die longitudinale Entwicklung bei Anorexia nervosa. Höhere sNfL-Werte bei Aufnahme waren mit einem stärkeren vorausgegangenen Gewichtsverlust assoziiert. Im Verlauf der multimodalen Therapie und mit zunehmender Gewichtsnormalisierung sanken die sNfL-Werte deutlich ab und normalisierten sich bereits während der Gewichtszunahme. Entscheidend war dabei weniger die verstrichene Zeit als vielmehr der klinische Behandlungsfortschritt. GFAP zeigte eine ähnliche, jedoch deutlich weniger ausgeprägte Dynamik.

Explorative Analysen zeigten zudem, dass beide Biomarker grundsätzlich zwischen Anorexia nervosa und Depression unterscheiden konnten. Die diagnostische Trennschärfe lag je nach Biomarker und Berechnungsweise im moderaten bis guten Bereich. Auch beim gezielten Vergleich mit untergewichtigen Patientinnen und Patienten mit Depression blieb eine relevante Differenzierung erhalten. Die Marker sind damit derzeit keinesfalls als eigenständige diagnostische Tests zu verstehen, könnten zukünftig aber die klinische Beurteilung in schwierigen differentialdiagnostischen Situationen ergänzen.

Die Ergebnisse unterstützen insgesamt die Annahme, dass Anorexia nervosa im Jugendalter mit messbarem neuroaxonalem und astrozytärem Stress einhergeht. Insbesondere sNfL scheint dabei nicht nur den biologischen Schweregrad der akuten Erkrankung abzubilden, sondern auch auf Veränderungen im Therapieverlauf zu reagieren. Dies passt zu bildgebenden Untersuchungen, die bei akuter Anorexia nervosa reversible Veränderungen der grauen und weißen Substanz zeigen.

Zusammenfassung: NfL und GFAP sind bei Jugendlichen mit Anorexia nervosa deutlich erhöht und unterscheiden sich auch von den Werten untergewichtiger Jugendlicher mit Depression. Besonders sNfL steht mit dem Ausmaß des Gewichtsverlusts in Zusammenhang und normalisiert sich im Verlauf einer erfolgreichen Gewichtswiederherstellung. Die Biomarker könnten damit zukünftig helfen, neurobiologische Belastung bei Anorexia nervosa besser zu charakterisieren und möglicherweise auch den Therapieverlauf abzubilden. Für eine klinische Anwendung sind jedoch größere prospektive Studien und alters- sowie BMI-spezifische Referenzwerte erforderlich.

Quelle: Pawlitzki M, Masanneck L, Schlarbaum L et al. Exploring serum biomarkers in paediatric psychiatry: the impact of NfL and GFAP. Translational Psychiatry. 2026;16:431.

IL-6 bei Multipler Sklerose unter Ocrelizumab: Was sagt ein einzelner Blutwert wirklich aus?

Biomarker sollen bei Multipler Sklerose idealerweise dabei helfen, Krankheitsaktivität frühzeitig zu erkennen, Therapieansprechen einzuschätzen und individuelle Verläufe besser vorherzusagen. Besonders interessant sind dabei Marker, die eng mit relevanten immunologischen Signalwegen verbunden sind. Interleukin-6, kurz IL-6, ist ein solcher Kandidat. Das Zytokin beeinflusst unter anderem die B-Zell-Differenzierung, fördert proinflammatorische Th17-Antworten und hemmt regulatorische T-Zell-Funktionen. Gerade im Kontext einer B-Zell-depletierenden Therapie wie Ocrelizumab liegt deshalb die Frage nahe, ob IL-6 im Blut etwas darüber aussagen kann, welche Patientinnen und Patienten langfristig stabil bleiben und wer trotz Therapie Krankheitsaktivität entwickelt.

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Wie gut ist ein CE-zertifizierter medizinischer KI-Chatbot wirklich? Unsere wissenschaftliche Untersuchung in der Neurologie

Große Sprachmodelle wie ChatGPT und andere KI-basierte Assistenzsysteme werden zunehmend auch im medizinischen Alltag eingesetzt. Sie können bei der Suche nach Leitlinien, bei klinischen Fragestellungen oder bei der Aufbereitung medizinischer Informationen unterstützen. Gleichzeitig bleibt eine zentrale Frage: Wie zuverlässig sind die Antworten solcher Systeme tatsächlich?

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Advances in multiple sclerosis

Ein aktueller Review im New England Journal of Medicine fasst die wesentlichen Fortschritte der vergangenen Jahre bei der Multiplen Sklerose zusammen – und zeichnet dabei ein Bild der Erkrankung, das sich deutlich vom klassischen Verständnis unterscheidet. Der von Stephen L. Hauser verfasste Beitrag stellt insbesondere die zunehmende Bedeutung der Progression unabhängig von Schubaktivität, die zentrale Rolle von B-Zellen und Epstein-Barr-Virus sowie die Entwicklung hin zu einer frühen Hocheffizienztherapie heraus.

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Neue Therapieempfehlungen bei hereditärer Transthyretin-Amyloidose: Was sich für Patienten mit Polyneuropathie ändert

Die Behandlung der hereditären Transthyretin-Amyloidose mit Polyneuropathie hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Für die seltene, aber unbehandelt kontinuierlich fortschreitende Erkrankung stehen inzwischen mehrere krankheitsmodifizierende Therapien zur Verfügung. Ein in Neurological Research and Practice veröffentlichter Expertenkonsensus der Deutschen Gesellschaft für Amyloid-Krankheiten (DGAK) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ordnet die aktuelle Evidenz nun für die Versorgung in Deutschland ein und gibt konkrete Empfehlungen zur Auswahl, Kontrolle und Anpassung der Therapie.

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Rauchen beschleunigt die MS-Progression – neue Daten aus der NationMS-Kohorte

Eine aktuelle Auswertung der prospektiven deutschen NationMS-Kohorte untersucht den Einfluss von Rauchen und Alkoholkonsum auf die Krankheitsprogression bei früher Multipler Sklerose. Eingeschlossen wurden 1.374 zunächst therapienaive Patientinnen und Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom oder schubförmig-remittierender MS, die über bis zu sechs Jahre nachbeobachtet wurden. Neben der Behinderung anhand der Expanded Disability Status Scale (EDSS) wurden die Gehfähigkeit mittels Timed 25-Foot Walk (T25FW), kognitive Funktionen anhand des PASAT sowie MRT-Parameter wie T2-Läsionslast und gadoliniumaufnehmende Läsionen untersucht.

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Was haben Ionenkanäle mit Neuroimmunologie zu tun?

Ionenkanäle sind mehr als Poren

Ionenkanäle kennt man vor allem als winzige Poren in der Zellmembran. Durch sie können elektrisch geladene Teilchen wie Natrium, Kalium, Calcium oder Chlorid in eine Zelle hinein- oder aus ihr herausströmen. Diese Ströme sind für zahlreiche grundlegende Funktionen unseres Körpers entscheidend. Im Nervensystem ermöglichen sie die elektrische Erregbarkeit von Nervenzellen, in Muskelzellen steuern sie die Kontraktion, und auch Immunzellen nutzen Ionenkanäle für Aktivierung, Bewegung und Kommunikation. Lange Zeit wurde die Funktion dieser Proteine daher vor allem über ihre Leitfähigkeit verstanden: Ein Kanal öffnet sich, Ionen fließen, ein biologisches Signal entsteht. In einem aktuellen Review in Current Opinion in Immunology zeigen wir jedoch, dass dieses klassische Bild zu kurz greift. Ionenkanäle können weit mehr sein als reine Durchgänge durch die Zellmembran. Sie können als molekulare Gerüste dienen, lokale Signalräume organisieren, an bestimmten Orten innerhalb der Zelle wirken und teilweise sogar größere Botenstoffe transportieren.

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Autoimmune limbische Enzephalitis: Warum Zeitpunkt und Immunprofil bei Rituximab entscheidend sein könnten

Krampfanfälle gehören zu den häufigsten und klinisch relevantesten Symptomen einer autoimmunen limbischen Enzephalitis. Sie können die akute Krankheitsphase prägen, langfristig fortbestehen und sich zu einer autoimmun-assoziierten Epilepsie entwickeln. Umso wichtiger ist die Frage, welche Patientinnen und Patienten von einer Immuntherapie profitieren – und wann der richtige Zeitpunkt für eine Eskalation der Behandlung ist.

Eine neue, im Juli 2026 in iScience veröffentlichte Studie aus Münster liefert hierzu wichtige Hinweise. Untersucht wurden 107 Erwachsene mit autoimmuner limbischer Enzephalitis und epileptischen Anfällen, die über mindestens zwölf Monate nachbeobachtet worden waren. Im Mittelpunkt stand Rituximab, ein gegen CD20-positive B-Zellen gerichteter Antikörper, der häufig als Eskalationstherapie eingesetzt wird.

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Ein älteres Gehirn bei MS – und warum BrainAGE und NfL unterschiedliche Aspekte der Erkrankung abbilden

Wie alt ist ein Gehirn wirklich? Diese Frage lässt sich inzwischen nicht mehr nur anhand des Geburtsdatums beantworten. Mithilfe von Machine-Learning-Modellen kann aus einer strukturellen MRT-Aufnahme ein sogenanntes „brain-predicted age“ berechnet werden. Die Differenz zwischen diesem vorhergesagten Gehirnalter und dem tatsächlichen chronologischen Alter wird als Brain Age Gap Estimate, kurz BrainAGE, bezeichnet. Ein positiver BrainAGE-Wert bedeutet, dass das Gehirn strukturell älter erscheint, als es dem Lebensalter entsprechend zu erwarten wäre.

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Nudging in der Neurologie: kleine Anstöße, große Wirkung?

Prävention ist in der Neurologie zentral – aber sie scheitert im Alltag oft nicht am Wissen, sondern am Verhalten. Genau hier setzt das Konzept des Nudging an: Menschen sollen durch kleine, gezielte Veränderungen der Entscheidungsumgebung zu gesundheitsförderlichem Verhalten bewegt werden, ohne dass ihre Freiheit eingeschränkt wird. Der Beitrag von Tollens und Schäffer in der DGNeurologie diskutiert dieses Konzept für die präventive Neurologie anhand verhaltensökonomischer Prinzipien, praktischer Beispiele und ethischer Grenzen.  

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